The Art of Decollage
Es gibt solche und solche Seilschaften, die das Stadtbild Berlins ausdeuten, aber keine ist so wohlwollend wie die der Décollagen mit ihren Abhäutungen, Abschabungen, Abbildern und Kollisionen im Arbiträren, die unisono Berlin die Stange halten, trotz Katerstimmungen und Abgesängen, von denen die Stadt zyklisch und antizyklisch heimgesucht wird.
Seit über einem Jahrzehnt sind Décollagen ein mir vertrauter Anblick. Ich kann gar nicht anders, als nach ihnen Ausschau zu halten, egal, zu welchem Unterfangen, in welcher Eile ich durch die Stadt irre. Ein natürlicher Reflex, immer bereit, Freundschaft mit ihnen zu schließen, in Sorge, ob sie auch diesen Monat überlebt, standgehalten haben, gealtert sind oder die Stadtreinigung sie schlicht wegrasiert hat.
Viele Menschen in Berlin sehen Wildplakatierung als Verfallssymptom des öffentlichen Raums. Stromkästen, Laternenmasten, Verkehrsschilder, Baustellenzäune und Hauswände werden zu Trägern palimpsestartiger Schichten aus Veranstaltungsplakaten, Werbeaufklebern, politischen Botschaften und Tags. Überlagerungen, abgerissene Papierfetzen und verwitterte Klebereste erzeugen Bilder permanenter Ablagerung. Collagen schälen sich aus Collagen, kollektiv, randomisiert und höchst virtuos, inmitten maroder Infrastrukturen, der Verwahrlosung von Grünanlagen und Straßenzügen. Mal erscheinen sie ekstatisch, mal fatalistisch, in Streifen und Fetzen, im Zustand des Aufgewellten und Halbverblassten, in Leucht- und Dämmerfarben.
Um all diese Zuschreibungen scheren sich Décollagen naturgemäß keinen Deut. Sie sind Meisterinnen der Aneignung und pazifistischen Selbstjustiz, kleine und große Wunderwerke, permanent aktualisierte Bestandsaufnahmen, Widerstandsnester, die Berlin verteidigen in all seiner Versehrtheit, Kaputtheit, Rumnerverei und Durchgeknalltheit. Andererseits, was soll man mit einer Großstadt ohne Zumutungen anfangen?
So gesehen sind Décollagen absichtsvolle Begleiterinnen dieser Verwahrlosung. Sie zeugen von einer urbanen Dynamik, die Ordnungssinne geringschätzt und mit grassierender Verrohung flüchtig fraternisiert, um sie in produktive Verhältnisse zu setzen. Sie veranschaulichen Dynamiken, schaffen Bildsprachen, die an der nie versiegenden Flut von Veranstaltungen, Demonstrationen und individuellem Ausdrucksbegehren teilhaben. Décollagen als Repräsentantinnen einer Multitude, die größtenteils auf prekärem Niveau auf Sichtbarkeit drängt und ein bedingungsloses Wahrgenommenwerden einfordert.
Décollagen, die wachsen „von Wiederkehr zu Wiederkehr“ (Rilke), und die selbst, so scheint es mir, ein mönchisches, selbstgenügsames, Wind und Wetter ausgesetztes Leben führen, alles über sich ergehen lassen. Sesshaftes Nomadieren, jubilierende Stigmata, Altersflecken und Altersstarrsinn, leuchtendes Verstricktsein im Gemeinschaftlichen und zugleich im eigenen Vergehen, in der Marter des Endlichen.
Ihnen gilt mein Augenmerk, selbst dort, wo sie ein Häuflein Elend bemänteln